Speck Gear Karton Pakete gestapelt für den Versand in die EU

Warum wir (fast) nicht mehr in die EU liefern können

Wir von Speck Gear lieben die Natur. Unsere Bikepacking-Taschen und Gepäckträger sind dafür gemacht, die Welt da draussen zu entdecken – nachhaltig, langlebig und im Einklang mit der Umwelt. Deshalb achten wir bei allen Materialien und auch bei unserer Verpackung penibel auf Nachhaltigkeit: Wir nutzen ungebleichte, recycelbare Papermail-Versandtaschen, Kartonschachteln und Papierklebeband sowie Banderolen aus FSC-zertifiziertem Recyclingpapier mit dem Umweltzeichen «Blauer Engel». Wir verwenden so wenig Verpackung wie möglich und ausschliesslich Monomaterial. Selbst unsere Zipp-Beutel für Kleinteile bestehen zu 50 Prozent aus Recycling-Kunststoff.
Eigentlich alles richtig gemacht, oder? Könnte man meinen. Doch die Realität des modernen Onlinehandels sieht leider anders aus. Aktuell kämpfen wir mit einem bürokratischen Monster, das uns einen enormen Zeitaufwand abverlangt und uns dazu zwingt, den Versand in fast alle EU-Länder einzustellen.

Heute möchten wir euch einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen der europäischen Bürokratie gewähren und darüber sprechen, wo gut gemeinter Umweltschutz in administrativem Wahn und Unsinn endet.

Speck Gear Kulturbeutel in Weiss – Bikepacking Pack Cases von oben mit Banderole verpackt

In welcher Welt sind wir gelandet, in der ein Stück Papier mehr bürokratischen Aufwand erzeugt als das Produkt selbst?

 

Der gute Ansatz: Warum «EPR» eigentlich richtig wäre
Hinter dem Ganzen steckt die sogenannte EPR (Extended Producer Responsibility) – auf Deutsch: die erweiterte Herstellerverantwortung. Die Grundidee ist absolut richtig: Wer Verpackungen in Umlauf bringt, soll auch für deren Recycling und Entsorgung aufkommen. Niemand soll die Umwelt gratis mit Müll überschwemmen.
In diesem Zusammenhang treten am 12. August 2026 mit der neuen europäischen Verpackungsverordnung (PPWR – Packaging and Packaging Waste Regulation) sowie mit verschärften nationalen Begleitgesetzen drakonische Umweltvorschriften in Kraft. Sie verpflichtet Händler:innen dazu:

  • für jedes einzelne EU-Land einen eigenen, registrierten Bevollmächtigten zu ernennen,
  • Verträge mit lokalen Recyclingsystemen abzuschliessen,
  • und länderspezifische Mengenmeldungen einzureichen.

Das gilt unabhängig davon, ob ein oder 1000 Pakete versendet werden und das Verpackungsmaterial bereits aus recycelbarem Monomaterial aus Papier oder Karton besteht. Wie so oft stirbt die gute Idee in der Praxis den Bürokratie-Tod.

Die Realität: 27 Länder, 27 Suppen, unzählige Formulare
Anstatt einer zentralen europäischen Anlaufstelle, bei der kleine Unternehmen ihre Mengen melden und eine faire Gebühr bezahlen, kocht jedes EU-Land sein eigenes Süppchen. Wenn wir heute ein Paket nach Frankreich, Italien oder Österreich schicken wollen, müssen wir uns:

  1. In jedem einzelnen Land separat in nationalen Registern anmelden.
  2. In vielen Ländern müssen wir für gutes Geld einen lokalen Notar oder EPR-Bevollmächtigten beauftragen, der vor Ort für uns haftet.
  3. Jährlich im Voraus auf das Kilogramm genaue Meldungen auf separaten Portalen einreichen und Mindestgebühren bezahlen.

Für ein kleines, inhabergeführtes Schweizer Unternehmen ist dieser Aufwand – sowohl finanziell als auch zeitlich – schlicht nicht tragbar. Der administrative Kontrollapparat steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Umweltnutzen.

Sinn oder Unsinn – wer gewinnt hier wirklich?
Bei einer kritischen Betrachtung des Systems stossen wir schnell auf absurde logische Brüche. Die Natur gewinnt nicht, denn das System verhindert nicht, dass Müll entsteht. Es verwaltet ihn lediglich extrem teuer.
Für den Handel gibt es im Grunde keine administrativen Belohnungen für echten Verzicht. Der Konsum wird nicht gebremst, sondern es werden lediglich zusätzliche Gebühren auf die Prozesse aufgeschlagen, die letztlich die Endverbraucher bezahlen. Denn wir Händler bezahlen das Verpackungsmaterial beim Einkauf und müssen zusätzlich die teuren Lizenz- und Systemgebühren für das Recycling abführen. Diese explodierenden Verwaltungskosten müssen zwangsläufig in die Produktpreise einfliessen. Der Kunde zahlt das System also indirekt schon an der Ladenkasse, lange bevor der Karton im Altpapier landet.
Und wer kontrolliert gleichzeitig die riesigen Billig-Plattformen aus Übersee, die täglich millionenfach ungeprüfte Plastikberge nach Europa fliegen lassen? Zwar nimmt die EU die Marktplätze rechtlich immer strenger in die Pflicht, doch die schiere Masse an asiatischen Direktimporten lässt sich vom Zoll im Alltag kaum lückenlos überwachen. Während die echten globalen Umweltsünder regelmässig durch die Maschen schlüpfen, trifft der Bürokratie-Hammer vor allem die kleinen, nachhaltigen Manufakturen.

Warum reicht ein einfaches Verbot nicht aus?
Der logischste Schritt wäre doch, Verpackungen, die nicht kreislauffähig oder recycelbar sind, einfach zu verbieten. Wer Monomaterialien wie reines Papier nutzt, sollte belohnt – und nicht mit denselben bürokratischen Hürden bestraft werden wie jemand, der Verbundstoffe in die Welt schickt. Doch statt einfacher, klarer Produktverbote baut man lieber einen gigantischen Kontroll- und Verwaltungsapparat mit Tausenden von Stellen auf.

Neue Zollverordnung der EU: Der Todesstoss für den Kleinsendungs-Export
Parallel zum EPR-Wahnsinn hat die EU die Zollregeln für den E-Commerce radikal verschärft. Zum 1. Juli 2026 wurde die bisherige Zollfreigrenze von 150 Euro für Importe aus Drittstaaten komplett abgeschafft.
Das bedeutet konkret:

  • Neu wird ab der ersten Euromünze ein Pauschalzoll von 3 Euro pro Zolltarifnummer fällig.
  • Ab November 2026 kommt voraussichtlich eine zusätzliche Handling-Gebühr pro Paket für die Zollabfertigung hinzu.

Das Problem dabei ist die Bürokratie: Das Freihandelsabkommen für Schweizer Ursprungsware greift bei dieser neuen E-Commerce-Pauschale im schnellen digitalen Massenversand (wie dem IOSS-Verfahren) faktisch nicht. Wer den Zollvorteil nutzen will, muss extrem aufwendige Einzelverzollungen wählen. Dadurch explodieren die Versand- und Abwicklungskosten für unsere EU-Kunden bei Kleinwarensendungen unter 150 Euro förmlich.
Grosse Player aus Übersee umgehen diese Hürden spielend, indem sie riesige, lokale Logistikzentren mitten in der EU betreiben. Kleine, innovative Unternehmen aus der Schweiz tragen die Last dagegen allein.

Wie es für Speck Gear weitergeht
Wir haben uns durch den Dschungel der Bürokratie gekämpft und sind nun für Deutschland vollständig registriert und lizenziert (LUCID). Unsere deutschen Kunden können also weiterhin wie gewohnt bei uns bestellen.
Für alle anderen EU-Länder müssen wir den Checkout-Prozess in unserem Shop ab August 2026 leider sperren. Das ist für uns sehr schmerzhaft – aber als kleine Manufaktur müssen wir unsere Ressourcen in die Entwicklung genialer Bikepacking-Ausrüstung stecken und können uns nicht auch noch um das Ausfüllen hunderter Formulare für 27 verschiedene Behörden kümmern.

Wir fragen uns: Wie soll das für kleine Unternehmen noch funktionieren? Wir hoffen inständig, dass die EU und die Schweizer Behörden in Zukunft eine zentrale, unkomplizierte Lösung für Kleinbetriebe schaffen oder eine Ausnahmeregelung erlauben. Bis dahin bleiben wir unserer Linie treu: hochwertige Produkte, verpackt so nachhaltig wie möglich – auch wenn uns die Bürokratie Steine in den Weg legt.

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